Dann stimm halt online ab!

Aller Orten wird über Online-Beteiligung diskutiert. Die Einführung von Online-Instrumenten der Entschiedungsfindung, Meinungsbildung und Kollaboration in Parteien hat allerdings viele Hürden zu nehmen und nicht zuletzt zu begründen, warum man es überhaupt wagen sollte, etablierte Strukturen durch die neuen technischen Möglichkeiten zumindest zu ergänzen. Auf der diesjährigen Akademie des Forums demokratischer Sozialismus versuchen wir es einfach mal.

Anlässlich des Workshops „Was braucht Digitalisierung von Politik, Parlament und Partei?“ sind ab Samstag Nachmittag die Teilnehmenden der Akademie aufgerufen, die erarbeiteten Forderungen zu bewerten. Um zu zeigen was alles möglich ist und wie schnell es im Zweifel gehen kann, habe ich hierzu eine kleine Software etabliert, die im wesentlichen – völlig intransparent – eine Urnenwahl oder papierbasierte Urabstimmung abbildet. Ich habe die Software Votey genannt und natürlich wird der Quellcode open-source. An diesem Wochenende startet das fds zunächst das Experiment, die inhaltlich maßgebliche Akademie mit dieser Möglichkeit der orts- und zeitungebunden Meinungsbildung zu erweitern.

Wie soll das ablaufen?

Ziel von Votey ist es maximale Anonymität der Teilnehmenden an der Plattform zu gewährleisten und möglichst viel Nachvollziehbarkeit des Abstimmungsprozesses für den oder die Einzelne und ohne technische Hürden zu gewährleisten. Alles was es brauchen soll um sich zu beteiligen, ist ein internetfähiges Endgerät.

Der Ablauf ist dabei wie folgt:

  • Bei der Anmeldung zur Akademie erhalten alle Teilnehmenden ein eindeutiges Token mit dem sich auf der Plattform online ein Account geklickt werden kann.
  • Nach dem Workshop am Samstag werden die Forderungen unser Expertinnen und Experten in das System eingestellt und für einen Tag zur Abstimmung angeboten. Alle angemeldeten Nutzer*innen im System können sich also zu diesen positionieren auch wenn sie nicht im Workshop sein konnten.
  • Nach dem Ablauf der Abstimmungszeit werden die Ergebnisse aggregiert zusammen mit einem Abstimmungsprotokoll, das den Anfang und das Ende der Abstimmung enthält und den genauen Zeitpunkt einer Entschiedung unter Verweis auf das zum Nutzer gehörenden Token dokumentiert, unter der Abstimmung angezeigt.

Der Trick dabei ist, dass die Software nicht einmal speichert welche Entscheidung durch ein Konto ausgelöst wurde sondern nur, dass eine Entscheidung getroffen wurde.

Der Nachteil an dieser Anonymität ist natürlich, dass Abstimmungen im Nachhinein nicht geändert werden können.

Außerdem stellen die Organisatorinnen und Organisatoren keine Verbindung zwischen personenbezogenen Daten und dem Token her, so dass ein Token nicht ausgetauscht oder ersetzt werden kann. Der Preis der Anonymität eben.

Was soll das Ganze?

Mein Ziel bei der Aktion ist es in erster Linie gemeinsam mit DER LINKEN und den interessierten Akademieteilnehmenden Erfahrungen in der konkreten Arbeit mit einer solchen Software zu sammeln. Ein für mich konzeptionell interessanter Nebeneffekt ist, dass ich schon bei der Arbeit an der Software die Grenzen des Konzeptes Anonymität für die meiner Meinung nach unerlässliche Herstellung der Nachvollziehbarkeit von Abstimmungsvorgängen für die Teilnehmenden ausloten konnte.

Zu den Ergebnissen und technischen Einzelheiten erfahrt ihr hier demnächst mehr.

p.s. Das Bild ist gemacht von Dirk Schröter

2 Antworten zu “Dann stimm halt online ab!”

  1. Karl sagt:

    Bei einer Abstimmung per Handzeichen kann man theoretisch nachvollziehen, wie jeder einzelne abgestimmt hat. Insbesondere bei großen Versammlungen wird das jedoch praktisch in der Kürze der Zeit nur für vereinzelte Abstimmer möglich sein, auf die man sich fokussiert. Die Feststellung des Abstimmungsergebnis ist bis auf knappe Abstimmungen für jeden nachvollziehbar. Bei einer Abstimmung per Stimmzettel mit öffentlicher Auszählung kann jeder nachprüfen, ob korrekt ausgezählt wird und dass geheim abgestimmt wurde. In allen Fällen kann man die korrekte Auszählung (und bei Stimmzetteln die Geheimhaltung) nicht nur der eigenen Stimme, sondern die eines jeden Teilnehmers der Abstimmung verifizieren.

    Kann man dies bei oben beschriebenen Verfahren nachprüfen und wie? Und zwar 1) wenn man das Verfahren technisch versteht und 2) wenn man dies nicht tut. Kann es überhaupt eine Abstimmung auf elektronischem Wege geben, die das leistet? Man muss sich ohne Kontrollmöglichkeit auf eine sehr kleine Gruppe von Personen verlassen. Meines Wissens hat auch der Chaos Computer Club Wahlcomputer per se als ungeeignet erkannt:
    http://wahlcomputer.ccc.de/

    Ich will hier keineswegs den elektronischen Weg torpedieren. Vielmehr würde ich mir wünschen, dass es so etwas gäbe. Es würde gelebte Demokratie sehr erleichtern. Ich kann mir allerdings kein Szenerio vorstellen, das das Gleiche leistet, wie eben die Abstimmung per Handzeichen bzw. Stimmzettel.

    • dls sagt:

      Lieber Karl

      Du hast völlig recht in deiner Problembeschreibung. Auch der CCC hat recht. Das Problem ist ein logisches. Man kann es nicht auflösen. ABER: Man kann den Nutzenden technische Hilfen für Prüfung von Plausibilität von Ergebnissen oder zum Nachweis der eigenen Stimmabgabe zur Verfügung stellen.

      Votey selbst setzt auf eine lückenlose Dokumentation der Schritte, die das Programm im Hintergrund tut und die im Vordergrund mit ihm getan werden. So ist ein Nachvollziehen möglich. Bei Unregelmäßigkeiten müsste meiner Meinung nach eine Abstimmung für ungültig erklärt werden.

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