This is not my „Einheit“

Am Samstag jährt sich der 3. Oktober – als so genannter Tag der Deutschen Einheit – zum 25. mal. Aus diesem Anlass bin ich zur offziellen Feierstunde in den Bundestag eingeladen. Dort soll die Einheit feierlich begangen werden, und natürlich sollen auch Provinzpolitiker\*innen wie ich im hohen Hause dabei sein. Ich werde nicht daran teilnehmen, solange die Republik sich wieder mit Uniformen und Waffen abschottet. Eine Begründung.

Ich bin ein Kind der Einheit. Meine kleine Kernfamilie ist eine Familie der Einheit. Meine Eltern waren in der DDR politisch aktiv und regimekritisch und litten unter den Repressionen. Meine Familie litt unter den Grenzzäunen, Wachtürmen, Selbstschussanlagen, unter der ständigen Überwachung des Privaten mehr als unter Mangelversorgung mit Luxusgütern. Für uns alle ist die friedliche Revolution 89/90 maßgeblich lebensbestimmend. Es gibt kaum ein Datum, an dem wir mehr Grund haben zu feiern, uns zu freuen.

Doch alles Feiern ist sinnlos und freudlos ohne Reflektion des Grundes. Für mich ist der 3. Oktober nicht bloß ein staatlich verordneter freier Tag, sondern ein Tag tief empfundener – fast schon sentimentaler – aber sehr realer Freude und Dankbarkeit. Dankbarkeit für all jene, die die Freiheit mit allen Mitteln gewollt und erkämpft haben. Für all jene, die sich nicht von Grenzen und staatlicher Repression haben einschüchtern lassen.

Ihr reflektiert nicht.

An diesem 25. Tag der Deutschen Einheit aber soll nicht reflektiert werden. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr wirft die Republik ihre Prinzipien um. Sie handelt unmenschlich und dumm. Seit dem 14. Semptember schränkt die geeinte Republik den Reiseverkehr an ihren Grenzen wieder ein. Sie kontrolliert, sie droht, sie grenzt aus, sie schiebt ab. Damit hat die Bundesregierung die innereuropäische Abschottungspolitik wieder hoffähig gemacht, gegen die meine Eltern und so viele andere vor 25 Jahren gekämpft haben. Eine Abschottungspolitik, die sich diesmal nicht gegen Armeen richtet, sondern gegen Menschen in Not.

Solange sich das nicht ändert, kann und will ich nicht an staatstragenden Akten teilnehmen, die mehr an die verordneten Geburtstagsfeiern eines gewissen Staatsratsvorsitzenden erinnern als eine angemessene Feierlichkeit. Ich rufe die Kolleginnen und Kollegen dazu auf, mit mir hier ein Zeichen zu setzen und die Feierstunde im Bundestag zu boykottieren.

5 Antworten zu “This is not my „Einheit“”

  1. Sehr geehrter Herr Delius
    Wie Sie den Tag, dessen Name als 17.Juni 1953 angefangen hat und jetzt 3.Oktober 1990 heißt, feiern, bleibt selbstverständlich Ihnen überlassen. Mich, als Demokrat und Sympathisant der Piratenpartei seit 2011 werden Sie, mit ihrem Verhalten, nicht davon abhalten weiterhin Werbung für die Piratenpartei zu machen.Unser Land, das sich von einer „BRD + DDR“ in 1949- 1990 zu einem gemeinsamen „Deutschland“ in 2015 verwandelt hat, braucht heute eine Bürgerrechtspartei, die die Bürgerrechte aus 1949 (Grundgesetz, BRD) in das 21. Jahrhundert transportieren kann. Ich werde mich weiterhin dafür einsetzen, das die PP ihren Platz im Hessischen Landtag und im Bundestag erreicht. Und selbstverständlich werde ich als Demokrat der erreichten Ziele der Deutschen Einheit gedenken. Deutschland wird die Grenzen wieder öffnen. Aber nicht, weil Sie demonstrieren. Sondern weil sich Deutschland seiner Verantwortung in der Welt bewust werden wird. Und daran arbeiten alle Politiker mit. Ich erwarte Ihren Einsatz im Berliner Rathaus diesbezüglich. mfg, Thomas

  2. Johannes Schmanck sagt:

    Hallo Martin.

    Du hast natürlich Recht was Deine Kritik an der „Abschottungspolitik“ angeht.
    Frage mich aber ernsthaft, was zum Henker die „Wiedervereinigung“ mit dem Thema zu tun hat?
    Ja – okay, mir ist angesichts der aktuellen Ereignisse auch nicht nach „Einheitsfeierei“, ein Aufruf zum Boykott impliziert aber eine direkte Relation der beiden Ereignisse.

    Einen solchen herbeizureden hilft niemanden, ist ggf. sogar kontraproduktiv.

    Naja,
    beste Grüße aus Münster

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