Überzeichnet – Ausstellung zum Hingucken

Eine Ausstellung im Büro der guten Laune soll zeigen wie das alltägliche Engagement gegen rassistischen Hass auf Deutschlands Straßen aussehen kann. Gemeinsam mit Irmela Mensah-Schramm zeige ich Workshoparbeiten mit Kindern, die Hassparolen überzeichnen.

Seit Wochen gehen in Berlin Menschen auf die Straße, um mit teils offen rassistischen Parolen gegen Flüchtlingsunterkünfte und Menschen auf der Flucht selbst zu hetzen. Es verwundert deshalb nicht, dass sich die Öffentlichkeit einmal mehr mit rassistischem und rechtem Gedankengut auseinandersetzt. Die Vorsitzenden der im Abgeordnetenhaus von Berlin vertretenen Parteien, das Parlament selbst und der scheidende Regierende Bürgermeister Wowereit werden nicht müde, die wehrhafte demokratische Zivilgesellschaft aufzurufen, sich den braunen Agitatoren entgegenzustemmen. Doch was passiert abseits dieser heftigen aber erwartbar kurzlebigen Empörungswelle? Was tut die Zivilgesellschaft, wenn die Kameras nicht – durch tausende so genannte besorgte Bürger induziert – auf die rechte Bedrohung aus der Mitte der Gesellschaft gerichtet werden?

Eine die was tut, ist Irmela Mensah-Schramm. Die rüstige Rentnerin ist die Zivilgesellschaft, die ich mir wünsche. Für sie ist der Kampf gegen braune Parolen, Hass und Gewaltdrohungen gegen Andersartige keine sporadische Empörung. Für sie ist es Alltag, sich dem Hass entgegenzustellen. Seit mehr als drei Jahrzehnten findet sie zielsicher Sticker, Schmierereien und Sachbeschädigungen mit Parolen rechten Hasses. Sie geht nicht vorbei. Sie geht darauf zu. Und sie entfernt sie oder verschönert sie bis zur Unkenntlichkeit. Sie macht aus den altbekannten und alltäglichen plumpen Parolen und Vorurteilen kreative Aussagen für eine bunte und pluralistische Gesellschaft. Oft allein. Oft den Anfeindungen und Nachstellungen von Sympathisanten der rechten Sprüche ausgesetzt. Selten mit unserer Unterstützung oder der Polizei, die oft keinen Grund sieht, ihren Anzeigen wegen Sachbeschädigung oder Volksverhetzung nachzugehen.

Sie stellt uns jene Fragen, die wir uns nur noch selten trauen, selbst zu stellen: Laufen wir wirklich mit offenen Augen durch die Welt? Nehmen wir die Schmierereien an Bushaltestellen, S-Bahn-Fenstern, auf Parkbänken oder Häuserwänden überhaupt noch wahr? Oder nehmen wir die alltäglichen Zeugen des Hasses in unserer Gesellschaft wahr und ignorieren sie aus der vermeintlichen Gewissheit mangelnder gesellschaftlicher Relevanz heraus? Sie mahnt uns zu offenen Augen, zur antifaschistischen Tat. Sie mahnt und schimpft ob unserer Untätigkeit im Alltag. Ich habe sie für den Verdienstorden des Landes Berlin vorgeschlagen. Sie wollte ihn nicht. Sie will, dass man ihr zuhört. Hinsieht. Mitmacht.

Damit wir gar nicht erst verlernen hinzusehen und Widerstand zu leisten, führt Frau Schramm seit Jahren mit Schulen in ganz Deutschland und Europa Workshops über ihre Arbeit auf der Straße durch. Kinder und Jugendliche fast allen Alters kommen so in Kontakt mit Parolen wie „Ausländer raus!“ oder der widerlichen Geschichtsvergessenheit in Sprüchen wie „Juden in die Gaskammern“, die auch heute noch die Straßen und Häuser in Deutschen Gemeinden besudeln. Sie lernen, sich mit dem Hass auseinanderzusetzen und ihn kreativ und bunt umzugestalten. Auf Kopien von Bildern der Schmierereien wird dann schnell ein „Ausländer sind Willkommen!“ oder „Juden sind Menschen wie du und ich“. Aus Hakenkreuzen und Siegrunen werden bunte Windräder und niedliche Engel. Das Ziel ist nicht nur das Übertünchen des Hasses. Es ist die Auseinandersetzung mit dem dahinter liegenden Gedankengut.

Wir brauchen mehr solche Menschen und mehr Aufmerksamkeit für alle, die jeden Tag dem Rassismus und der Menschenfeindlichkeit entgegentreten. Die Arbeit von Menschen wie Irmela Mensah-Schramm ist zu wichtig, als dass wir sie nicht in das Licht der Öffentlichkeit bringen müssten.

Aus diesem Grund veranstalte ich zusammen mit meinem Kollegen Dr. Simon Weiß vom 10. Dezember 2014 bis zum 27. Januar 2015 eine Ausstellung mit den Arbeiten von Schülerinnen und Schülern aus den Workshops gegen den Hass. In unserem Abgeordnetenbüro – dem Büro der guten Laune – wird die Geschichte von Frau Schramm erzählt, ihre Arbeit mit Kindern gewürdigt und notwendige öffentliche Auseinandersetzung mit allgegenwärtigen Vorurteilen eingefordert.

Informationen finden sich unter http://gutelaunebuero.de

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