Impuls zum Thema „Inklusion in der Berliner Schule“ im Rahmen des bildungspolitischen Forums der Friedrich-Ebert-Stiftung Berlin am 15.04.2013

Mich haben einige Anfragen wegen der heutigen Veranstaltung der FES zum Thema „Inklusion an der Berliner Schule“ erreicht. Aufgrund eines Fehlers der Veranstalter, für den sie sich dankenswerter Weise entschuldigt haben, wurde die Piratenfraktion nicht eingeladen. Kurzfristig konnte ich aber über der Wochenende heute Abend für die Veranstaltung aus familiären Gründen nicht frei machen. Ich habe es mir aber dennoch nicht nehmen lassen, einmal grundsätzliche Positionen der Piraten zum Thema Inklusion aufzuschreiben, die ich mit Euch hier teilen möchte. 

Als bildungspolitischer Sprecher und Abgeordneter der Piratenfraktion im Abgeordnetenhaus von Berlin begegnet mir das Thema Inklusion nicht nur im parlamentarischen Alltag. Teilhabe und die politisch gestaltete offene und tolerante Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist Fundament der Politik der Piratenpartei. Ich unterstütze und kontrolliere den Senat bei der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention vor Ort in Berlin und damit auch an Berliner Schulen. Gemeinsam mit meiner Fraktion und Partei erarbeiten wir Prioritäten und Lösungsvorschläge für diese Aufgabe.

Inklusion braucht Haltung

Jeder Mensch hat das bedingungslose Recht auf sichere Existenz und gesellschaftliche Teilhabe!

Wir setzen uns für barrierefreie städtische Infrastruktur für Menschen mit Einschränkungen in Berlin ein: im öffentlichen Raum, im öffentlichen Nahverkehr, in öffentlichen und privaten Einrichtungen, dass heißt auch in der Schule und am Arbeitsleben.

In Ausbildungsstätten (Schulen, Lehrwerkstätte, Hochschulen) müssen alle Räume, Lehrmaterialien und der Unterricht Barrierefreiheit-Standards entsprechen. Der teils katastrophale Sanierungsstau an Berliner Schulen lässt dieses Ziel in weite Ferne rücken und in Chance zugleich für die baulich barrierefreie Schule.

Wir setzen uns für das Recht auf Zugang zu Information für alle haben (Bildung, Kultur, Politik) ein – zur gleichen Zeit, zum gleichen Preis, in einer der individuellen Einschränkung angepassten Form.

Unser Ziel ist eine inklusive Gesellschaft. Eine inklusive Gesellschaft, ist eine Gesellschaft, in der man nicht mehr über Inklusion sprechen muss. Bis dahin ist es noch ein weiter steiniger Weg. Es kommt auf uns alle an, auf unser Engagement und unseren politischen Willen. Von allein ändert sich die Gesellschaft nicht zum Besseren. Doch es lohnt sich: Von einer barrierefreien Gesellschaft profitieren alle Menschen viel mehr als wir es uns heute vorstellen können.

Schule als Keimzelle der inklusiven Gesellschaft

Die inklusive Schule ist ein Ort an dem die Jüngsten unserer Gesellschaft erleben ohne Vorurteile miteinander zu wachsen, zu lernen und Konflikte zu lösen, ohne dass die individuellen sozialen, körperlichen und geistigen Vorraussetzungen stigmatisieren.

Wir bauen die Welt von morgen in den Schulen und Köpfen unserer Kinder. „Anders“-sein ist die Regel. „Normale“ Schüler gibt es nicht. Pädagogen, Schulhelfer, Psychologen und nicht zuletzt der Staat selbst hat die Verantwortung in der Schule die Grundlage zu schaffen, damit in Zukunft eine inklusive Gesellschaft in Universitäten, am Arbeitsplatz und in allen sozialen Zusammenhängen selbstverständlich ist.

Genau so wie die Fürsorge von Eltern ihren Kindern gegenüber nicht von körperlichen oder geistigen Merkmalen abhängt, ist auch der Staat in der Pflicht, sich um alle zu sorgen.

Lehrerinnen und Lehrer können dabei nicht alle Bedürfnisse heterogener Klassen, Schulen und Schülergruppen bedienen. Sie brauchen Unterstützung, dauerhaft und direkt. Gemeinsam mit Fachkräften, Ärzten einer flexiblen Verwaltung und dem eigenen erlernten pädagogischen Wissensschatz können sie in Zukunft in der Lage sein jedem Kind ein passendes Lehrangebot zu machen.

Es gibt Experten für die inklusive Schule. Erfahrene Lehrerinnen, Ärzte und Sonderpädagogen können uns allen zeigen wie die inklusive Schule funktionieren kann. Wir müssen ihnen den Stellenwert einräumen, den sie dazu brauchen und ihnen zuhören.

Wir müssen aber auch die Orte identifizieren, an denen Inklusion funktioniert und von ihnen Lernen. Unsere jungen Lehrerinnen und Lehrer sollten zu allererst die besten Beispiele vorgeführt bekommen. Erfolgreiche integrative Schulprojekte können und müssen uns hier Wegweiser sein, die uns helfen die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen.

Inklusion als Chance begreifen

Die inklusive Schule bietet allen Kindern und Jugendlichen mit besonderen Bedarfen die Chance, in die Regelschule und damit in die Wunschschule aufgenommen zu werden und nicht in Sonderschulen abgeschoben zu werden. Dies führt dazu, dass alle Schülerinnen und Schüler die Chance erhalten, Abschlüsse zu erhalten, die bisher für sie nicht erreichbar waren. So können z.B. Jugendliche das Abitur ablegen und erhalten den Zugang zu Universitäten. Dies war vor Jahrzehnten noch undenkbar und ist auch heute noch schwierig.

Eine weitere Chance ist, dass Kinder ohne  Bedarfe von Anfang an lernen, ihre Mitschüler und Mitschülerinnen mit Bedarfen als Freunde zu gewinnen. Die gegenseitige Hilfe und Unterstützung untereinander wird mit der inklusiven Schule außerordentlich gefördert. So wächst eine neue Generation des Miteinanders heran.

Schließlich bietet die inklusive Schule die Chance, veraltete Schulstrukturen zu überdenken. So ist z.B. eine inklusive Schule ohne Binnendifferenzierung nicht denkbar.

Die größte Hürde sind wir selbst.

Bis heute sind sich Politik, Betroffene und Verwaltung nicht einmal über die Definition des Begriffs inklusive Schule einig. Was ist Inklusion eigentlich? Es ist schwierig aber notwendig diesen öffentlichen Diskurs zu führen. Die vergangenen Jahre haben hier zu wenig Klärung bewirkt, wie der jüngste Diskurs zeigt.

Was kommt auf da auf uns zu? Diese Frage stellen sich nicht nur Eltern und Lehrer_innen. Aus den Erfahrungen der letzten Schulreformen (z.B. JÜL) wissen wir, dass umfangreiche Änderungen in Schulstruktur und -kultur oft nicht ausreichend vorbereitet werden. Lehrerkräften muss die Unsicherheit mit dem schwierigen und oft neuen Thema genommen werden, es braucht vor der Einführung der inklusiven Schule umfangreiche Fortbildung. Die heute schon schlechte Bezahlung von Schulhelfer_innen, eine schlechte Ausstattung der Schulen und überlastete Lehrkräfte dürfen sich nicht noch mit dem neuen Projekt verschärfen sondern müssen vorher aufgefangen werden.

Dafür muss Geld in die Hand genommen werden. Um diese Hürde zu nehmen, ist es erstmal notwendig anzuerkennen, dass die inklusive Schule nicht kostenneutral zu stemmen sein wird. Die Koalition hatte zwar im Haushalt 12/13 200000 EUR für Schulhelferinnen und Schulhelfer vorgesehen, was aber angesichts der Größe des Projektes Inklusion verschwindend gering ist.

Gleichzeitig muss sich auch an den Schulen und deren internen Strukturen etwas ändern. Inklusion ist nicht gleich Inklusion und die Umsetzung der landesweiten Vorgaben muss individuell und schulscharf ablaufen. Dafür brauchen wir speziell versierte Sonderpädagoginnen und -pädagogen, die auch Weisungsbefugnisse haben. Wie sollen inklusive Schulen organisiert sein? Welche Entscheidungen müssen in der Klasse und welche schulweit getroffen werden. All dies hängt von der Schülerstruktur, vom Schulstandort und dem zur Verfügung stehenden Personal ab.

Wir helfen mit.

Wir stehen mit allen Kräften bereit um bei der Umsetzung der inklusiven Schule zu helfen. Schon im letzten Doppelhaushalt haben wir 1 Mio. EUR extra für vorbereitende und begleitende Maßnahmen gefordert. Das reicht natürlich bei Weitem nicht. Wir streiten dafür, dass Berlin bis 2015 seine Bildungsausgaben auf einen gesunden durchschnitt von 7% am Bruttoinlandsprodukt erhöht und anerkennt, dass zuerst Personal, Ausstattung, Räumen uns zusätzliche Ausbildungsangebote stimmen müssen bevor man das Projekt inklusive Schule ernsthaft angehen kann.

Wir setzen uns im Rahmen der Lehrer_innenbildung dafür ein, dass die pädagogische Ausbildung von Kindern und Jugendlichen mit besonderen Bedarfen einen höheren Stellenwert einnimmt. Zu Umsetzung und Begleitung der inklusiven Schule in Berlin gehört für uns auch die Aufklärung und öffentliche streitbare Auseinandersetzung mit dem Thema. Wir werden dafür kämpfen, dass hier nicht wieder überstürzt eine Reform durchgeführt wird, auf die niemand so richtig vorbereitet wurde.

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