Das elektronische Klassenbuch kommt mit Sicherheit?!

Seit ein paar Wochen hat von Senatorin Scheeres (Bildung und Wissenschaft) in Berlin ein neues Lieblingsprojekt: Das elektronische Klassenbuch. Mit diesem zukunftsweisenden Tool möchte sie Schulschwänzerinnen und Schulschwänzern auf die Schliche kommen und SMS an Eltern versenden.

Eine gute Idee möchte man meinen. Doch was noch so alles hinter dem wohlklingenden Begriff „elektronisches Klassenbuch“ steht, ist weniger ermutigend. In meiner kleinen Anfrage vom 9. März habe ich ein paar einfache Fragen gestellt um mir mal einen Gesamteindruck zu verschaffen.

Die Senatsverwaltung für Bildung und Wissenschaft hat vor im Schuljahr 2012/2013 ein Pilotprojekt an 10 Berliner Schulen zu starten, an denen sie die Anwendung einer entsprechenden Software testen wollen. Welche Software es sein wird, steht noch nicht fest. Allerdings hat man sich wohl im Vorfeld schon auf zwei mögliche Anbieter geeinigt. Die Firma Stüber-Systems aus Deutschland geht mit ihrer Software „Magellan“ ins Rennen und die Firma Gruber und Petters aus Österreich mit ihrer Stundenplanungssoftware Untis (genauer WebUntis).

Bei beiden Produkten handelt es sich natürlich nicht nur um ein SMS-Versandsystem für Schulen sondern um ausgefeilte Softwarepakete, die eine lückenlose „Dokumentation“ des gesamten Schulalltags in elektronischer Form zulassen. Es werden Stundeninhalte, Bewertungen von Schülerinnen und Schülern, auffälliges Verhalten, Fehlzeiten, Noten, verwendete Materialien und natürlich auch Leistungsbewertungen lückenlos elektronisch dokumentiert und sogar von zu Hause aus abrufbar gemacht.

„Von zu Hause aus!“ – Das macht stutzig. Denn sollte das elektronische Klassenbuch so eingesetzt werden wie in diesem Werbevideo beschrieben, bedeutet das, dass höchst sensible Daten über Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer und sogar Erziehungsberechtigte über das Internet verfügbar gemacht werden, elektronisch weiter verarbeitet und zwangsläufig auf vielen Endgeräten kopiert und gelagert werden. Zu meiner entsprechenden Frage entgegnet die Senatsverwaltung lapidar:

Ein unbefugter Zugriff auf das elektronische Klassenbuch ist bei beiden Anbietern systembedingt ausgeschlossen.

Wie bitte? Ich bin stark verwundert darüber wie einfach es sich eine Verwaltung in Zeiten von Staatstrojanern, gehackten Kundendaten von Großkonzernen oder Einbrüchen in das Innerste des Zolls so einfach machen kann. Natürlich enthält die Antwort auch die obligatorischen Hinweise auf die Beteiligung des Datenschutzbeauftragten des Landes und vermeintlich sichere Intranet-Infrastrukturen. Doch schon die Erwähnung des Einsatzes von Tablets, die natürlich auch mit nach Hause genommen werden könnten, führt diese Beteuerungen ad absurdum.

Jedem einigermaßen technisch gebildeten oder aufmerksamen Menschen muss spätestens nach der Debatte um die Unsicherheit der Lesegeräte des elektronischen Personalausweises aufgefallen sein, dass ein „systembedingt sicheres“ Computersystem eigentlich nur aus einem verplombtem, vom Stromnetz getrennten Rechner ohne Festplatte, RAM und Eingabegeräte bestehen kann. Die Leichtfertigkeit mit der der Senat hier antwortet erinnert stark an den fahrlässigen Umgang mit bewiesenen Sicherheitslücken beim ePA seitens der Bundesregierung. Das kann sich Berlin nicht leisten.

Doch was soll der Spaß eigentlich kosten? Dazu bekomme ich sogar eine Beispielrechnung für das Produkt Magellan und das obwohl zuvor klar gemacht wurde, dass es noch kein Angebot „gemäß Anforderungsprofil“ vorliegt. Hiernach rechnet man mit Kosten für die Pilotphase in Höhe von 72.690 EUR. Darin enthalten sind 80 Tablet-PCs (30000,- EUR), eine Programmentwicklung und Beratung (24000,- EUR) und das eigentlich gewünschte SMS-Modul mit Klassenbuch (16410,- EUR). Einen automatisierten SMS-Versand an Eltern von unentschuldigt fehlenden Kindern kann man auch billiger haben Frau Scheeres. Aber geht es darum überhaupt? Schon die Summen in der Aufschlüsselung für die Pilotphase lassen vermuten, dass hier viel Geld für ein IT-Prestigeprojekt ausgegeben werden soll, dass am Ende eine unvollständige aber unsichere Datensammlung über Schülerinnen und Schüler verwaltet und nur für die hälfte der Lehrerinnen und Lehrer nutzbar ist, die die Zeit haben sich in der Verwendung der neuen IT-Infrastruktur schulen zu lassen.

Statt also auf Überzeugung, Betreuung und Attraktivität der schulischen Angebote zu setzen, um wieder mehr Schülerinnen und Schüler zu motivieren die Schulpflicht ernst zu nehmen, setzt Frau Scheeres auf Überwachung und Kontrolle und nimmt dabei die Gefahr in Kauf, dass neben den gewollten SMS an Eltern auch schnell ungewollt ein öffentlicher Pranger mit live-Fehlzeiten im Internet auftaucht. Vernünftige Schulpolitik sieht anders aus.

Ich habe jetzt im Ausschuss für Bildung, Jugend und Familie einen Besprechungspunkt eingereicht, der sich mit dem Thema „elektronisches Klassenbuch“ beschäftigt. Fragen Anregungen und weitere Informationen (z.B. Wo in Deutschland schon einmal so ein Projekt gefahren wurde) könnt ihr direkt an die Ausschuss-Email bildjugfam@piratenfraktion-berlin.de schicken.

UPDATE: Krankheitsbedingt ist die elektronische Übermittlung der Antworten auf kleine Anfragen im Moment stark verzögert. Deshalb gibt es hier erstmal den Scan der Papierantwort.

9 Kommentare zu “Das elektronische Klassenbuch kommt mit Sicherheit?!”

  1. KäptnSharky sagt:

    Hallo,

    ich bin ein betroffener Vater und Pirat. Mein Sohn ist nicht besonders motiviert, in die Schule zu gehen. Das führt zu vielen unentschuldigten Fehlzeiten. Das liegt aber auch daran, dass er wenig Motivation spürt. Trotzdem ist es für Erziehungsberechtigte wichtig, zu wissen, ob der / die Zögling, in der Schule war , bzw ob da nicht geflunkert wird. Eine Info per SMS wäre sicherlich ein Mittel. Allerdings, das dann mit der elektronischen Verfügbarkeit, wichtiger Daten des Schullebens zu vernetzen, geht natürlich nicht. Das will ich auch nicht. Diejenigen, welche “schwänzen”, sind ja meist eh schon unter Beobachtung. Einen “elektronischer Pranger”, ist aus meiner Erfahrung zu 100 % kontraproduktiv und führt eher zur weiteren Entfremdung unter aller Beteiligten.
    Fazit: Nur die SMS kann meiner Meinung nach hilfreich sein. Alles andere lehne ich ab.

  2. Alfred Messelke sagt:

    Wer soll denn die SMS schicken? Die Sekretärin von ihrem Handy? Oder der Lehrer von seinem Handy, wenn er eins hat… und eine SMS Flat…Egal. SMS wird es in 2 oder 3 Jahren ohnehin nicht mehr geben. Im Oktober kommt endlich Joyn (Rich Communication Suite-enhanced RCS-e).
    EIn elektronisches Klassenbuch hat sicher immense Vorteile in der täglichen Organisationsarbeit in der Schule. Selbst wenn die oben angegebenen Preise horrend scheinen, dürfte sich die Sache über Zeit und Personalersparnis rechnen. In der Diskussion sollte man sich zunächst mit den Möglichkeiten einer Technik beschäftigen und dann mit den Bedenken und deren Lösung. Umgekehrt kommt man nicht viel weiter. Wenn man sich bei der Erfindung des Computers zuerst mit den Gefahren auseinandergesetzt hätte (CO2 Verbrauch, Sondermüll, etc.), dann gäbe es heute keine Piraten.

  3. gprade sagt:

    Hallo Herr Delius,

    seid fast zwei Jahren bin ich nun Lehrer an einer Gesamtschule in NRW, seit dem laufendem Schuljahr Klassenlehrer. Und ehrlich gesagt, würde ich mich über ein “digitales Klassenbuch” sehr freuen. Bisher muss ich alles in Klassenbüchern und Kursheften handschriftlich notieren und jeweils mühsam in aufwendigen Tabellen eintragen. Besonders die Fehlzeiten sind grauenhaft nach entschuldigt und unentschuldigt einzutragen. Dann noch die Ergebnisse der schriftlichen und mündlichen Leistungen. Da hat man schon wegen dem ganzen Aufwand keine Lust mehr noch zusätzlich etwas wie Wandertage oder besondere Ereignisse in die entsprechenden Hefte einzutragen.
    Im weiteren mühe ich mich mit selbst entwickelten Exceltabellen ab, um die Ergebnisse aus den schriftlichen Arbeiten zusammenzufassen. Da schielt man gerne mal auf spezialisierte Managertools aus der Wirtschaft und hätte gerne die Arbeitserleichterung durch ein “digitales Klassenbuch” (am liebsten mit Touch auf einem Tablet).
    Ich stimme Ihren Datenschutzbedenken vollkommen zu, weiß aber, dass es möglich wäre durch Verschlüsselung die Daten von Schülern digital zu Verarbeiten. Das muss nicht über das Internet geschehen. Aber ein gutes Tool lokal auf einem Tablet/Notebook mit einer guten GUI würde mir den Alltag im Verlauf des Schuljahres doch erheblich vereinfachen. Und am Jahres-/Halbjahresende würde ich mir dann einfach die benötigten Tabellen und Listen für die entsprechenden Konferenzen ausdrucken oder zwischendurch bei einem Elterngespräch als Dokumentation hinzunehmen.
    Digitales ist nicht immer schlecht.

    MfG, gprade

  4. BerlinerBürger sagt:

    So wie es aussieht, verspricht man sich hier ‘Vorsprung durch Technik”. Eine Internet-Verfügbarkeit deutet aber an, dass dieses System nicht von der Schule aus verwaltet werden soll. Einen eigenen Webserver zu betreiben würde einen erheblichen Mehraufwand oder Service-Gebühren nach sich ziehen – ein OpenSource Projekt über einen öffentlichen Träger zu initieren wäre der beste und nachhaltigste Weg.
    Bisher hat fast jede Oberschule (sek.II) einen eigenen Computerpool es genügt (theoretisch) einen Rechner im Lehrerzimmer aufzustellen – die EDV kann zwar unterstützen aber keine besseren Bildungskonzepte entwickeln und auch keine Motivation herbeiführen. EDV bedeutet auch Mehraufwand.

  5. Veit sagt:

    Kinder haben in Deutschland das Recht auf eine körperlich UND PSYCHISCH gewaltfreie Erziehung. Siehe § 1631 Absatz 2 BGB: http://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1631.html

  6. Marijana Batan sagt:

    Was sagen die Kinder dazu?

  7. plinius paiste sagt:

    hallo, ich bin 16
    und mich überzeugt diese ganze Sache nicht wirklich.Ich weiß zwar das die Schulschwänzerrate drastisch gestiegen ist aber das sowas immer gleich digital behoben werden muss ist nicht der richtige Weg. zumal das man seine Daten ins Netz geben muss ist schon ein kontraproduktive Sache aber das schlimmste ist, dass diese immer mehr expandierende Kontrolle über den Bürger (hier Schüler) gemacht wird ist dreist . Vor allem missbraucht diese drastische Kontrolle das Vertrauen der Schüler
    keine schlechte idee aber es stößt bei mir konsequent auf ablehnug

  8. protocols sagt:

    Hier in Süd Afrika ist das bereits gang und gebe dass man per SMS, über wichtige Termine sowie das Fehlen (wobei dann auch ein Telefonat erfolgt) des Schülers, informiert wird.

    Das hat _nichts_ mit “Datenkrake” oder sonstige “persönliches eingreifen” zu tun, sondern einfach nur ein Kommunikations weg – nicht mehr und auch nicht weniger – dafür aber besonders schnell und effektiv.

    Und ja, als Elternteil _will_ ich wissen ob meine Kinder nicht in der Schule sind, das kann gerade hier in Süd Afrika nämlich auch schlimmeres sein.

    Was die ganze diskussion wieder über Kosten sein soll, soll sich Deutschland mal die Technik bei den Südafrikanern abschauen. Hier wird sicherlich kaum Budget für Schulen ausgegeben, hinkriegen tun es trotzdem selbst die ärmsten Schulen.

  9. Sathoan sagt:

    Also irgendwie verstehe ich die contra-Ansätze hier nicht so recht. Was ist denn die Meinung wie und wo bisher die Schülerbezogenen Daten gehalten werden? Wo liegt denn SchILD-Zentral? Wohin gehen denn die Statistikdaten? Sind doch alles “online”-Anwendungen. Sicherlich ist das ganze im ersten Ansatz keine Zeitersparnis – die kommt erst im Nachhinein, wenn es an Auswertungen geht oder ich Schüler, Betriebe, Eltern in die Eigenverantwortung nehme.
    Ich glaube wir müssen uns in der heuten Zeit von der Illusion verabschieden es gäbe soetwas wie echten Datenschutz. Wenn jmd. bestimmte Daten haben möchte – dann bekommt er/sie diese auch – es ist nur eine Frage des Aufwandes.
    Was ist denn mit dem Datenschutz bei einem Papierklassenbuch? Der Lehrer vergisst es im Klassenraum -> jeder kann hineingucken. Die Schüler tragen es von Unterricht zu Unterricht und einer “vergisst” es in der Mensa… Man kann sich für alles beliebige Szenarien ausdenken um an Daten heranzukommen. Einigermaßen Sicher sind nur Dinge die ich nicht aufschreibe und niemanden sage.
    In anderen Ländern (vor allem Skandinavische) klappt so etwas doch auch problemlos – warum ist in Deutschland immer alles so kompliziert und wird totdiskutiert?
    Schulen könnten doch einfach bestimmen das bei Ihnen alles (oder einiges) digital geführt wird – wem das nicht passt sucht sich eine andere Schule…. Entweder wird es ein Erfolgsmodell oder halt nicht – die Eltern entscheiden mit der Anmeldung ihrer Kinder.

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