Hochschulpolitik in Berlin 2011

Für die aktuelle Ausgabe des Kaperbrief habe ich einen Beitrag zur Hochschulpolitik in Berlin geschrieben, den ich auch für meine Leser zugänglich machen will.

An Universitäten und Hochschulen in Berlin arbeiten, lernen und lehren etwa 200.000 Menschen. Eine noch höhere Anzahl Menschen in diesem Umfeld profitieren in irgendeiner Weise von der Studentenstadt Berlin. Die Situation an den Hochschulen betrifft beinahe die ganze Stadt.

Entwicklungen der letzten Jahre, wie Modularisierung der Lehre, so genannte Exzellenzinitiativen und der Anbiederung an die privat finanzierte Forschung, haben der Lehre an Hochschulen in Berlin nicht gut getan. Die Zielgruppe änderte sich. Gute Studierende sind heute zielstrebige junge und gesunde angehende Berufsanfänger und Praktikanten, die stets mit dem Gedanken an Effizienz und gefüllt mit modularen Wissenshäppchen der immer nächsten Klausur auf deutlich vorgezeigten Wegen ihres Studienverlaufsplans hinterher hetzen. Diesen Entwicklungen wird das Berliner Hochschulgesetz gerade angepasst.

Widerstand gab es zu diesen Problemen regelmäßig. Dabei ging es mal ganz profan um das Geld, die Hörsäle zu heizen und mal um die Abkehr vom Prinzip des fachübergreifenden Studiums. Professoren sahen stets verwundert von ihren vollen Schreibtischen auf und dachten an die Zeit, als ihre Sekretärin noch ganztags arbeiten konnte und die Mitarbeiter neben der Lehre auch noch zum Forschen kamen oder umgekehrt. Unterdessen mussten die Hochschulen „ergebnisoffen Diskutieren“. Entschieden hat der Senator selbst.

Seit Jahren heißt es, die Hochschulen müssten effizienter arbeiten und Studierendenplätze kosten zu viel Geld. Regelmäßig wird durch den Senat auf die vermeintliche Autonomie der Hochschulen auch die Pflicht zur Profilbildung gepocht. Eine Phrase hinter der sich Herr Zöllner gern versteckt, wenn es darum geht Studiengänge zu streichen und Professoren oder wissenschaftliche Mitarbeiter einzusparen.

Die Freiheit von Lehre und Forschung funktioniert nicht mit ständigen Eingriffen des Senats. Professoren müssen durch die Hochschulen berufen werden, nicht durch den Senat. Die individuellen Hochschulverträge müssen gestärkt werden und in Verhandlungen auf Augenhöhe entstehen. Eine höhere Laufzeit von 4 Jahren bedeutet Planungssicherheit und mehr Freiraum für Demokratie an Hochschulen.

Schon dieses Jahr ist ein extremer Anstieg der Studienanfänger durch zwei Abiturjahrgänge und den Wegfall der Zwangsdienste zu erwarten. Statt mit immer neuen Qualitätskriterien zu reagieren, die zu mehr Klausuren in kürzerer Zeit mit weniger Inhalt führen, um die Massen abzufertigen, muss die Regelstudienzeit fallen. Derzeit verweigert der Senat den Hochschulen das Geld pro Studierenden nach einer Regelstudienzeit.

Studienverläufe müssen aufgelockert werden. Die starke Beschränkung auf festgelegte und modulare Inhalte entsteht aus der Not der Lehrenden. Statt wissenschaftlichen Mitarbeitern mit vernünftigen Qualifikationsstellen eine Perspektive in Lehre und Forschung zu geben, führt das neue Gesetz schlecht bezahle Stellen ohne Forschungsaufgaben ein, die dann die Lehre übernehmen sollen.

Die Senkung von Zulassungshürden für Menschen ohne Abitur ist zu begrüßen, wird aber ohne eine strukturelle Änderung der Hochschulgesetzgebung zu weiter steigenden Abbrecherzahlen führen. Über die Zugangsvorraussetzung zum Masterstudium hält sich das neue Hochschulgesetz bedeckt. In Wahrheit gibt es nicht viel mehr als die Hälfte der notwendigen Master-Studienplätze. Die müssen aber zumindest innerhalb Berlins garantiert werden können.

Die Stadt Berlin kann es sich nicht mehr leisten Ergebnisse aus der Forschung den privaten Instituten zu überlassen, junge fähige Wissenschaftler durch absurde Arbeitsverhältnisse und Perspektivlosigkeit zu verprellen und eine hilflose (Selbst-) Verwaltung für seine öffentlichen Bildungseinrichtungen ohne Planungssicherheit zurückzulassen.

Das neue Hochschulgesetz wird auch von Piraten nicht zu stoppen sein. Wir werden aber die Betroffenen einbinden und sie die zukünftige Entwicklung gestalten lassen.

Klarmachen zum Ändern!

 

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