74 Tage

74 Tage ist es jetzt her, dass der Bundesparteitag beschlossen hat, innerhalb von 60 Tagen einen bundesweiten Betrieb von LiquidFeedback zu starten und darin unter anderem den nächsten Programmparteitag vorzubereiten.

In diesen 74 Tagen ist einiges passiert. Und ich rede nicht sich endlosen im Kreis drehenden Mailinglistendiskussionen oder absurden Schiedsgerichtsverfahren, sondern von tatsächlicher Arbeit. Eine Gruppe von Piraten hatte sich bereit erklärt, die Einführung und den Betrieb von LiquidFeedback völlig ehrenamtlich zu unterstützen.

Dabei war man sich schon sehr früh einig, dass die Einführung so sorgfältig wie möglich stattfinden sollte; dass man hier nicht einfach innerhalb von ein paar Tagen eine Instanz aufsetzt (möglicherweise auf dem Berliner Server mit den Berliner Nutzungsbedingungen – auch das wäre ja durch den Beschluss gedeckt gewesen), sondern einen Betrieb sicherstellt, der so sicher und gut dokumentiert wie möglich ist, dass man in den Nutzungsbedingungen Rechtssicherheit schafft, dass man sich bemüht, so viele Informationen zur Einführung, zum Betrieb, und zur Funktionsweise bereitzustellen wie möglich. Dazu haben in diesen 74 Tagen eine ganze Reihe von Piraten praktisch Vollzeit gearbeitet. Ich selbst habe eine FAQ für den Bundesbetrieb erstellt, die Fragenseite betreut, im Politikforum des Bundesvorstands Fragen beantwortet, mich an der Erarbeitung der Prozesse für die Betriebsdokumentation beteiligt, Interviews für den Newsletter gegeben, mich bereiterklärt den Support für den Betrieb zu übernehmen, und noch ein paar Dinge mehr. Die Arbeit an meiner Doktorarbeit, mit der ich eigentlich nächstes Jahr fertig werden müsste, habe ich zur Zeit im Wesentlichen eingestellt. Und andere Beteiligte – insbesondere die Administratoren und die Entwickler – haben noch einiges mehr an Zeit und Aufwand hineingesteckt.

Nachdem also unser Team seit Wochen an der Arbeit ist – mit der Lösung technischer und prozeduraler Probleme, mit rechtlichen Fragen, mit der Ausarbeitung der Betriebsparameter, mit der Bereitstellung von Informationen – und dabei alle Ergebnisse seiner Arbeit dokumentiert und über Christopher Lauer in ständiger Rücksprache mit dem Bundesvorstand steht – ist es nun soweit. Gut, man hatte sich große Mühe gegeben, die Frist einzuhalten, und jetzt sind wir zwei Wochen darüber; dafür ist das Schiedsgerichtsverfahren verantwortlich. Aber jetzt endlich sind wir startbereit und es stehen keine Pobleme mehr im Weg.

Eigentlich. Denn obwohl der Bundesvorstand noch letzte Woche zugesichert hat, die letzten notwendigen Entscheidungen im Umlauf zu beschließen und heute Abend den Startschuss zu geben, sieht es jetzt so aus, also ob das nicht passiert wäre und einzelne Vorstandsmitglieder plötzlich festgestellt haben, dass sie die gesamte Planung (an der sie sich bis jetzt nicht im Geringsten beteiligt haben) doch lieber über den Haufen werfen würden. Am liebsten würde ich mich an dieser Stelle darüber auslassen, was ich persönlich in Anbetracht dessen, was bisher passiert ist, von einem derartigen Vorgehen halte; eine derartige Tirade persönlicher Beleidigungen würde aber wohl niemandem weiterhelfen.

Stattdessen möchte ich einfach mal festhalten, was passieren wird, wenn der Bundesvorstand heute nicht den Betrieb mit den geplanten Parametern, Prozessen und Nutzungsbedingungen startet, sondern anfängt, jetzt in letzter Sekunde (und zwar wörtlich in letzter Sekunde) noch alle möglichen Änderungen zu fordern, von denen einige mit der existierenden Software gar nicht umsetzbar sind. In diesem Fall wird LiquidFeedback heute nicht starten. Es wird auch nicht morgen starten. Ob es dann überhaupt noch rechtzeitig startet, um zur Vorbereitung des Programmparteitags zu dienen, darf in Anbetracht der Zeit, die eine nochmalige Prüfung der Nutzungsbedingungen und zusätzliche Modifikationen der Software erforen würden, ernsthaft bezweifelt werden.

Ein weiterer Punkt kommt noch dazu. Weder kann ich hier für irgend jemanden außer mich selbst sprechen, noch möchte ich etwas sagen, was man als Drohung missverstehen könnte. Aber kann man denn wirklich annehmen, dass Menschen, die seit Wochen ohne jede Gegenleistung schwer arbeiten, nur um die Partei voranzubringen (denn nein, niemand von uns hat LiquidFeedback-Aktien), und die sich dafür von einigen Seiten auch noch wie Verschwörer oder Verbrecher behandeln lassen müssen, nach einem derartigen Schlag ins Gesicht, wie ihn der Beschluss des Antrags von Benjamin Stöcker darstellen würde, immer noch bereit wären, freiwillig ihre volle Arbeitskraft dafür einzusetzen?

6 Antworten zu “74 Tage”

  1. StillerPirat sagt:

    Hallo, ich wollte mich nur mal bei den Freiwilligen für die Arbeit bedanken. Ich freue mich schon auf LQFB und hoffe, dass es dann heute startet. Danke. 🙂

  2. Ich würde gern irgendwas in der Richtung „Haltet durch“ sagen. Aber das wären eh nur hohle Phrasen. MAL wieder fallen Vorstandsmitglieder durch unprofessionellen Umgang mit der Arbeit anderer Piraten auf.

    Wir sollten bei den nächsten Vorstandswahlen UND bei den Aufstellungen für die Parlamente vorher EINGEHEND jeden Kandidaten auf Herz und Nieren prüfen.

    Unprofessionell haben wir jetzt genug gesehen. Jetzt sollten die Piraten erwachsen werden.

    Aloha

  3. Es würde dir zu gesicht stehen dir die Aufzeichnung anzuhören. Der Bundesvorstand hat das nicht zugesichert.

    Transparenz ist schon was wundervolles – aber im Notfall kann man auch anonyme Mailversender aus Australien verwenden.

  4. Seahorse sagt:

    LF widerspricht in vielen Punkten den Grundwerten der Piratenpartei.

    http://wiki.piratenpartei.de/LQPP/Datenschutzforderung

    Das LF-Projekt wurde von eine kleinen abgeschotteten Gruppe im LV Berlin erstellt und mit massivem Druck im LV Berlin durchgesetzt und in die Satzung gezwungen.

    LF wirft sehr viele grundlegenden rechtliche Probleme auf, die bisher nur ignoriert und übergangen werden.

    Zudem verletzt es grundlegende Prinzipien, die an eine innerparteiliche demokratischen Meinungsbildung, wie sie u.a. im Parteiengesetz formuliert sind.

    LF wird als einzige Alternative, die die Piratenpartei noch retten kann, dargestellt. Kritiker werden eingeschüchtert.

    Eine offene Diskussion über die Ausgestaltung des Systems, mit der ehrlichen Bereitschaft der LF-Entwickler auf die Bedenken der Basis einzugehen, hat es in Berlin nie gegeben.

    Im Vorfeld der Bundeseinführung wurde auch konsequent vermieden sich der Diskussion von benannte Kritikpunkten zu stellen.

    http://wiki.piratenpartei.de/Antragsfabrik/Bundesweiter_Betrieb_von_LiquidFeedback

    Es werden sich aber die großen Hoffnungen, die gezielt gestreut werden, nicht erfüllen können. LF wird keine qualitativ hochwertige Partizipation in der Meinungsbilder der Piratenpartei fördern können. Soziologische Aspekte, wie die LF-Kommunikation und deren Kontext gestaltet sind, sprechen dagegen.

    LF ist leider ohne eine hinreichende Berücksichtigung der Anforderungen der Piratenpartei geschaffen worden.

    Darum habe ich auch kein Mitleid, wenn die Entwickler hier tausende Stünden umsonst gecodet haben. Sie haben sich bewusst entschieden, ihr LF-Projekt gegen jede sachliche Kritik von außen abzuschotten und weiterzuführen.

    Die Piratenpartei kann keine Rücksicht auf das egozentrische Selbstverständnis einiger Programmierer nehmen, die von einer eigenen Vision getrieben sind.

    Nur weil sich jemand hinstellt und mit Selbstverbrennung oder alles hinzuschmeißen droht, muss ich nicht seinen Forderungen nachgeben.

    LF ist ein sinnloses Click-Spielzeug. Ob man es einführt oder nicht, wird daran wenig ändern.

    Wer sich der Realität verschließt, wie es die LF-Entwickler die ganze Zeit machen, braucht sich nicht zu wundern, wenn es ein hartes Erwachen in der Realität gibt.

    lg seahorse

  5. Michael sagt:

    @Benjamin Stöcker: Ich würde mir die Aufzeichnung gerne anhören. Gibt es irgendwo einen Link dazu?

    @seahorse: Schön viele unbelegte Behauptungen. Wie wäre es mal mit ein paar konkreten Beispielen(Links) dazu? So ist es nur heiße unsachliche Luft die dazu nicht sonderlich reif klingt.

  6. Seahorse sagt:

    @Michael

    folge den links 🙂

    1.Ein großer Teil der BPT Diskussion in der Antragsfabrik zu Z013 (LF-Antrag) stammt von mir
    http://wiki.piratenpartei.de/Antragsfabrik/Bundesweiter_Betrieb_von_LiquidFeedback

    2.Auf der Diskussionsseite zu den LF Datenschutzforderungen steht einiges von mir
    http://wiki.piratenpartei.de/Diskussion:Datenschutzforderung_zu_Liquid_Feedback

    3.Die Berliner ML, auf die man über news.piratenpartei.de zugreifen kann, stehen eine Menge Beiträge und wilde Auseinandersetzungen mit LF-Protagonisten zu LF.

    4.Eine Menge von Vorschlägen, wie die Berliner LF Testinstanz ursprünglich weiterentwickelt werden konnte, stammt von mir (Namen werden im öffentlichen Zugriff ausgeblendet). Die LF Anträge sind damals in der Testphase von mir in der Hoffnung eingestellt worden, LF würde irgendwie auf die Bedenken und Wünsche von betroffenen Piraten eingehen. Aktuell distanziere ich mich von meinen damaligen LF-Änderungsinitiative, da das LF System nach meiner heutigen Einschätzung gewaltige strukturelle Konstruktionsfehler hat, die man durch kleine Anpassungen nicht mehr in überschaubarem Rahmen ausmerzen kann. Zudem missfällt mir die politische-strategische Zielrichtung der LF-Protagionisten. Aber alles dazu ist u.a.in der Berliner ML dokumentiert (weiß nicht wie lange der news server mails vorhält)

    https://lqpp.de/be/area/list.html
    https://lqpp.de/be/area/show/3.html?tab=issues&issue_list=newest&filter=finished

    … es ist eher eine prägnant Zusammenfassung und Einschätzung des gesamten LF-Projekts. Das LF Tool ist ja nur eine Art trojanisches Pferd für ein größeres strategisches LF-Ziel.

    lg seahorse